essays interviews rezensionen

konr@d
ist natürlich auch im WWW vertreten.

Das amerikanische Vorbild?
http://www.
wired.com

Zeitschrift
Konr@d

rezensiert von Hanna Nemec

Der Mensch in der digitalen Welt

Wie alle Kinder sieht auch Stern-Baby konr@d seiner Mama durchaus sehr ähnlich. Neben den Titeldossier-Genen, den Genen der Fotoreportagen und den Layoutgenen vererbte Mama Stern ihm natürlich auch das Familienwappen – den weißen Stern auf rotem Hintergrund – das, seit konr@ds Geburt vor nunmehr neun Monaten auf jeder Ausgabe seine Herkunft unübersehbar macht.

Aber zweifellos hatte auch das US-Kult-Magazin Wired bei konr@ds Zeugung die Hand im Spiel - nicht nur das Layout bestätigt uns die amerikanische Vaterschaft, sondern auch die Art und Weise in der die digitale Thematik aufgearbeitet wird. Und außerdem wurde die Idee, konr@ad zu zeugen erst geboren, als eine deutsche Ausgabe des US-Magazins auf Grund von finanziellen Troubles nicht zustande kam. Ist konr@d also nur ein Wired-Abklatsch?
Noch nicht genug mit diesen schon sehr markanten Merkmalen, die den Konsumenten schon vor dem Lesen ins Auge springen „müssen". Der neuhochdeutsche Magazinname – nach Konrad Zuse, der 1938 der Welt den ersten programmierbaren Computer präsentierte - sagt doch alles über konr@ds Staatsbürgerschaft aus ?!
Doch nicht nur seine Nationalität wird dem auch weniger aufmerksamen Leser schon im Titel bewußt, der Klammeraffe @ ersetzt das ursprüngliche "a" in Konrad und weist auf die thematische Gattung der Zeitschrift hin. Und so ist der @ einmal mehr dazu verdammt unmißverständlich, der mittlerweile wirklich schon öden Aufgabe nachzugehen, einer Publikation die gewisse Netz-Note zu verschaffen.

der humane konr@d ?

Dem Untertitel „Der Mensch in der digitalen Welt" werden die Berichte, Reportagen und Fotografien ohne jeglichen Zweifel gerecht. konr@ds Inhalt stellt keineswegs Technisches in den Mittelpunkt der menschlichen Welt, vielmehr stellt er das Menschliche in den Mittelpunkt der technischen Welt.
Sex, Sport, Politik und Kultur – menschliche Alltagsthemen eben, werden mit Technischem verknüpft und ergeben in dieser Kombination Titelreportagen über Tierliebhaber, die via Internet Wissenswertes zur richtigen Aufzucht von Vogelspinnen austauschen oder Berichte über Lula, das Tamagotchi das alle Männerträume willig erfüllt.

Doch auch sehr ernste, ergreifende Themen kommen in der konr@d Berichterstattung nicht zu kurz, so z.B. eine Reportage über Schwerbehinderte, die sich nur mittels Computer verständigen können und so dank der modernen Technik trotz ihrer Behinderung einen Beruf ausüben können. Leider passiert es dann auch, daß konr@d seine Kriegsberichterstattung, die natürlich von Kriegen handelt, die mittels moderner Technologie ausgefochten werden, mit all zu schönen Fotos ausstattet – ganz in Stern-Manier eben – die die Grausamkeiten eines Krieges völlig ausblenden.

Bei all der Menschlichkeit wünschten sich eingefleischte Computerprofis konr@d würde seine allzu humanen Seiten etwas in den Hintergrund stellen, doch denjenigen, denen Wärme im Umgang mit dem PC bis heute fehlt, könnte er durchaus helfen, auf den Computergeschmack zu kommen: „Endlich eine Zeitschrift, die den Menschen in der Computer-Welt wirklich ernst nimmt", so ein E-mail-Leserbrief.

konr@d
der Mensch in der digitalen Welt
Nr. 1/98, 178 Seiten, ÖS 45
Gruner+Jahr Verlag Hamburg