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Jean Baudrillard
Das perfekte Verbrechen

rezensiert von Caroline Nußdorfer

Baudrillard rekonstruiert und beschreibt in diesem Buch ein Verbrechen. Und zwar handelt es sich dabei um die Ermordung der Realität.

Damit verbunden ist „die Vernichtung der lebenswichtigen, radikalen Illusion der Welt". Der Schein übernimmt die Position des eigentlichen Objekts, vorangetrieben durch das Zeitalter der Medien, in dem die Objektivität die Grundlage jeglichen Beurteilens darstellt.
Nach Baudrillard ist das Verbrechen niemals perfekt, denn „die Perfektion des Verbrechens liegt in der Tatsache, daß es immer bereits vollendet ist", es keine Spuren hinterläßt und somit unbemerkt bleibt. Der Autor wird jedoch fündig und geht bei seiner Beschreibung den einzelnen Spuren nach. Seine Thesen gliedern sich – auf ein anfängliches Fundament gestützt – in viele beispielhafte Teilbereiche, wie zum Beispiel Physik, Kunst oder Soziologie, die er in den einzelnen Kapiteln untermauert. Dies macht die Interdisziplinarität des Problems deutlich.
Die praktizierte wissenschaftliche Physik wird durch das von Baudrillard genannte Urverbrechen (das darin besteht, daß der Mensch bei der Rekonstruktion des Ursprungs der Welt das „Nichts" außer Acht läßt) in Frage gestellt, da die Frage, woher das Reale kommt, unbeantwortet bleibt.

Die Illusion als Ursprung, als Gott?

Die Existenz Gottes setzt er voraus ohne sie jedoch zu begründen, er verwendet sie als Metapher für die ursprüngliche Illusion, das Nichts, als gemeinsamen Anhaltspunkt zur Verständigung.
Durch die Überinformation, durch das allmähliche Schaffen einer virtuellen, objektivierbaren Realität geht das Gefühl für das, was sich hinter dem Schein verbirgt, verloren. Die „große Virtualität", wie Baudrillard sie nennt, bestünde dann im puren Zur-Information-Werden der Menschheit, der totalen Berechenbarkeit und Objektivität. Doch die Angst der Menschen vor dieser „Endlösung" treibt sie wieder zum Versuch, die vermeintliche Realität irreal und somit erneut virtuell, illusionär zu machen (ob sie sich in eine Scheinwelt oder in die „ursprüngliche Realität" flüchten, beschreibt Baudrillard nicht). Womit sich der Kreis schließt. Die Angst entsteht durch die vom Verbrechen hinterlassenen Spuren, durch die Unvollkommenheit.
Fernsehen und Medien leisten ihren Beitrag zur Ermordung der Realität, indem sie auf uns einwirken und auch auf unser konstruktivistisches Weltbild. Der mediale Transport des Scheins läßt uns zu einem „Sinnbild erstarren [...], ausgestopft in unserer sterilen Identität, bei lebendigem Leib museal geworden". Der Mord besteht in der Leichtgläubigkeit, den Schein für das „Wahre", das „Reale" zu halten.
Hinter dem puren Erfassen von Raum, Zeit, Wert, was für Baudrillard niemals in Echtzeit geschehen kann (er stützt sich dabei auch auf die Chaostheorie), muß es schon allein insofern eine andere Realität geben, als er etwas schreibt, was ich annähernd so verstehe, wie er es meint, obwohl wir beide nur den Schein der Worte miteinander austauschen können, ohne exakte Definition.
Der Mensch muß irgendwann mit seinen Mordversuchen an der Realität begonnen haben, dazu erfahren wir von Baudrillard nichts Näheres, außer daß es möglich wäre, immer schon in einer künstlichen Illusion gelebt zu haben. In beiden Fällen wirkt das Buch weniger wichtig als anfänglich angenommen, denn einer Realität nachzutrauern, die es nie gegeben hat, hat ebensowenig Sinn, wie die Darstellung eines Verlaufes ohne begründeten Anfang. Mit dem Urverbrechen nennt er nicht den Beginn des Verbrechens, sondern nur dessen früheste Interpretation, die Realität im Ursprung nicht als Erstes zerstört, sondern als Ursprung zerstört, die Realität im Keim erstickt. Also ist es kein Ausgangspunkt, sondern nur ein bedeutsamer Zwischenhalt auf dem Weg zur Virtualität.
Mit der negativen Betrachtung der von uns allmählich nivellierten „Alterität", der Differenz und des Übermaßes an Positivität beschreibt er die Unverzichtbarkeit des Bösen, des Negativen „jenseits von Gut und Böse", eine unverzichtbare Harmonie zu Gunsten Leben und „Sinn". Baudrillard nimmt der Perfektion jede Art der Glaubwürdigkeit, denn die Unvollkommenheit ist für ihn nicht nur ein dynamischer Prozeß – das Verbrechen ist noch nicht vollbracht; es hat Lücken – sondern auch statisch – es wird nie vollendet werden. Die hinterlassenen Spuren werden sich rächen, die Unvollkommenheit spielt ihre Trümpfe aus.

Baudrillard treibt den Leser oft in die Verwirrung, läßt ihn auf die Auflösung warten, damit er sich mit dem Geschriebenen befaßt und sich seine eigene Meinung bildet. Dem Gedankenspiel des Lesers wird also seine Zeit eingeräumt. Seine Anschauungen, seine Thesen präsentiert der Autor mit erschreckender Deutlichkeit. Um das Ganze verständlicher zu machen, verwendet er sehr viele Metaphern und auch Beispiele. Da seine Thesen sehr umfassend sind, spannt er oft sehr weite Bögen, doch er hat die Gabe, das ganze zu einem Kreislauf zu schließen und seine Thesen wieder auf den Punkt zu bringen. Jedem Satz, jedem Wort verleiht Baudrillard eine irrsinnige Aussagekraft. Seine Sätze sind sehr bewußt konstruiert und tragen somit sozusagen seine persönliche Handschrift, die erst gewöhnungsbedürftig, jedoch zu durchschauen ist.


Haben Sie schon einmal den Systemabsturz eines Computers miterlebt? Mögliche Ursache könnte sein, daß er mit der Bearbeitung der Daten nicht fertig wird oder vor einem unlösbaren, verwirrenden, paradoxen Problem steht, wie zum Beispiel der Datumsumstellung auf das Jahr 2000. Durch die Ausdruckskraft und die Dichte der Information in Baudrillards Sätzen, teilweise vermischt mit ein wenig Sarkasmus, wäre mir beim Lesen dieses Buches beinahe etwas Ähnliches passiert. Wenn man beim bewußten Handeln und Denken die Thesen von Baudrillard mit einbezieht, muß man zuerst schmunzeln, dann entsteht Verwirrung und spätestens dann sollte man aufhören um das Abstürzen des eigenen Computers zu verhindern.