"Netz visueller
Argumente" ausbildet, dem die Wissenschaft entsprechen müsse, auch indem sie es
selbst anwendet.
"Die modernen Menschen
empfangen einen großen Teil ihres Wissens und ihrer allgemeinen Bildung durch bildhafte
Eindrücke, Illustrationen, Lichtbilder, Filme. Die Tageszeitungen bringen von Jahr zu
Jahr mehr Bilder. Dazu kommt das gesamte Reklamewesen, das einerseits mit optischen
Signalen, andererseits auch wieder mit Darstellungen arbeitet." (Neurath 1926)
Mit der Diagnose des noch jungen "Jahrhundert
des Auges" verband der Sozialphilosoph keine konservative Klage über den
Kulturzerfall, sondern durchwegs die berechtigte Hoffnung auf eine "Demokratisierung
des Argumentierens"
Unabhängig von der jeweiligen Bildungssozialisation sollten Fachleute wie
Laien an relevanten Diskussionen zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse teilnehmen
können.
Konnte sich Neurath mit seinem Programm einer
bildlichen Medienpädagogik noch ungebrochen als Volksaufklärer verstehen, so stellt sich
unserer zynisch gewordenen Zeit das Problem
einer Fortsetzung des Aufklärungsimpulses: die mit Neuraths Ansatz verbindende Frage ist
aber die, ob mehr Informationen auch zu mehr gesellschaftlich relevantem Wissen führen.
Ist die Informationsgesellschaft diesseits oder jenseits des enzyklopädischen
Projekts, jener kompletten Inventarisierung des dem aufgeklärten Bürgertum zur
Verfügung stehenden Wissens - ein Konzept, das Neurath radikalisieren wollte?
Eine Ambivalenz der historischen Medienentwicklung
besteht darin, daß die Entwicklung der Schriftkultur seit jeher auf gesellschaftliche
Eliten bezogen war. Die "Bildkultur" blieb dann den Ungebildeten, Ungelehrten,
dem Volk. Nicht einmal die Einführung des Drucks führte zu einer Massenalphabetisierung:
technologischer Fortschritt bedeutet nicht notwendig auch schon eine Erweiterung der
gesellschaftlichen Wissensbasis. Aufklärung und Volksaufklärung laufen keineswegs
synchron. An genau dieser Grenzlinie arbeitete Neurath mit seiner Bildpädagogik.
Neuraths Programm bestand in der einheitswissenschaftlichen Entfesselung des
gesellschaftlichen Potentials als Einlösung von liegengebliebenen
Aufklärungsansprüchen. Dies beinhaltete eine Therapie der Wissenschaftssprache, den
Einsatz von Bildern in Prozessen des Wissenstransfers, und schließlich in der Systematisierung
der bildlichen Repräsentation sozial relevanter Informationen.
Dies führte von der 1925 entwickelten Wiener Methode
der Bildstatistik zur markanten, vom Graphiker Gerd Arntz ausgearbeiteten Symbolik, den
Piktogrammen der ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education, ab
1934). Es handelt sich dabei um die Entwicklung neuer symbolischer Werkzeuge zur
Repräsentation gesellschaftlicher Sachverhalte, wobei Wissenschaftler und Graphiker im
Team an jener educational technology arbeiteten, ohne die heute kein
populäres Medium mehr auskommt.
Neuraths Mißverständnis bestand dann allerdings darin,
daß das Bild nur bereits kontextualisierte Informationen vermittelt. Bilder werden also
nicht etwa durch kreative Akte aus dem Nichts geschaffen, sondern entsprechen (nach Ernst
Gombrich) einem repräsentationalen Schema, das auch ihre Bedeutung beschränkt. Durch
ihre Abhängigkeit vom kulturellen Kontext wird das Ideal einer eindeutigen
Codierung/Decodierung gebrochen. Neuraths 'idealsprachliche' Vision war es, eine neue
Bildersprache zu schaffen, die an den Abstraktionsgrad der Verbalsprache heranreicht.
Die dazu nötige Stilisierung entspricht dem Prinzip einer Datenreduktion, die
zudem auf ein schematisches Prinzip zusammengezogen werden. Das idealsprachliche
Unterfangen bemühte verschiedene Kriterien wie den relationalen Einsatz typisierter
Zeichen bei möglichst hoher Konsistenz. Die Zeichen sollten selbsterklärend sein, und
dazu sollte deren Ikonizität erhöht werden. Das heißt, daß ein visuelles
Zeichen möglichst nah am Bezeichneten bleibt. (Nach Peirce sind die semiotischen
Abstraktionsschritte nach der Ikonizität die Indexikalität und dann die Symbolizität).
*)
Unsere Welt der Bilder ist
längst nicht eine Welt der naiven Abbilder und ist es wahrscheinlich nie gewesen. Nach
Vilém Flusser führt ein kulturgeschichtliches Stufenmodell vom Abbilden der
voralphabetischen Phase (Bild) über die alphabetische Kodierung (Schrift, Text,
Druck) zum nachalphabetischen Technobild (das in der neuen Einbildungskraft
komputierte Bild). Die Bedeutung der Virtualität ist demnach nicht die Rückkehr zum
ikonisch Bildhaften, sondern eine Bewegung hin zur erhöhten Symbolizität der Zeichen:
den 'komputierten Bildern' entsprechen nicht einfach nur Texte (Sourcecodes), sondern
ganze Kontexte. Die Technobilder bedeuten also nicht Dinge oder deren Bilder,
sondern Texte, das heißt sie leisten Kontextualisierungen von Daten und sind damit
semiotische Interpretanten, die (frei nach Flusser) die Welt neu kodifizieren, weil es auf
den Prozeß der Bobachtung ankommt und nicht etwa auf das Beobachtete.
Neuraths Erbe. Wenn McLuhan in Understanding
Media (1964) behauptet hat, daß wir über die Bilder unserer Medienkultur zu einer
inklusiven Form der Ikonizität zurückkehren ("We return to the inclusive form of
the icon"), dann sollten wir heute - im Zeitalter der Virtualität - danach
fragen, ob diese Diagnose sich denn wirklich bestätigt hat. Handelt es sich im visuellen
Zeitalter am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wirklich noch um Bilder, um Ikonizitäten?
Wohl kaum. Denn im Digitalen, einer diskreten Form der Repräsentation, fallen Code
und Bedeutung tendenziell zusammen. Die in Gestalt der technischen (komputierten) Bilder
erzeugten Informationen sind nicht einfach Abbilder, sondern bilden ein System und
bestimmen letztlich sogar die sozialen Interfaces zwischen Indviduum und
Gesellschaft (solche Interfaces oder Schnittstellen im nicht-technischen Sinn mag in
früheren Zeiten die Symbolik der Kirche gewesen sein). So gesehen wirft das Wissen
über gesellschaftliche und sonstige Zusammenhänge jedoch weniger ein Vermittlungsproblem
(in qualitativer Abstufung vom besser zum weniger gut Informierten) auf, sondern
impliziert vielmehr dort, wo es sich manifestiert, ein aufgeklärtes Bewußtsein über die
Codes. Man kann das auch als Transparenz auffassen, indem etwa eine Medienbotschaft ihre
kritische Lektüre nicht systematisch verstellt. Und die Erzeugung genau dieser
Transparenz ist die Aufgabe eines künftigen Kommunikationsdesigns. Darin sind die
subversiven Medienproduzenten allemal besser als die beflissenen Medienpädagogen; und
paradoxerweise ist die angeblich so unkommunikative 'moderne' (nicht repräsentierende)
Kunst unfreiwillig kommunikativer als so manch populäre Präsentation, gerade weil die
Codes reflexiv entblößt werden.
Quellen