Frank Hartmann: Online-Texte

 

  Text - Bild - Interface  

Otto Neurath und die Merkmale des
visuellen Kommunikationsdesigns.
Zum Vortrag im Rahmen der "Unplugged Heads"
am Institut für neue Medien, Frankfurt, 2. Dez. 1997


    Wir leben mit dem zwanzigsten Jahrhundert in einem visuellen Zeitalter, in dem also auch das visuelle Kommunikationsdesign immer wichtiger wird. Doch das ist keine allzu neue Erkenntnis. Otto Neurath (siehe auch den Essay "Sprechende Zeichen")   hat bereits in den Zwanziger Jahren damit begonnen, ein modernes, visuelles Kommunikationsdesign zu entwerfen und damit ein wichtiges Element der Konstruktion von Öffentlichkeit der gesellschaftswissenschaftlichen Reflexion zuzuführen. Schon damals war seine Prognose, daß sich mit den neuen Visualisierungen in Werbung, Unterhaltung und Publizistik ein ganz neuartiges "Netz visueller Argumente" ausbildet, dem die Wissenschaft entsprechen müsse, auch indem sie es selbst anwendet.

      "Die modernen Menschen empfangen einen großen Teil ihres Wissens und ihrer allgemeinen Bildung durch bildhafte Eindrücke, Illustrationen, Lichtbilder, Filme. Die Tageszeitungen bringen von Jahr zu Jahr mehr Bilder. Dazu kommt das gesamte Reklamewesen, das einerseits mit optischen Signalen, andererseits auch wieder mit Darstellungen arbeitet." (Neurath 1926) 

    Mit der Diagnose des noch jungen "Jahrhundert des Auges" verband der Sozialphilosoph keine konservative Klage über den Kulturzerfall, sondern durchwegs die berechtigte Hoffnung auf eine "Demokratisierung des Argumentierens" Unabhängig von der jeweiligen Bildungssozialisation sollten Fachleute wie Laien an relevanten Diskussionen zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse teilnehmen können.

    Konnte sich Neurath mit seinem Programm einer bildlichen Medienpädagogik noch ungebrochen als Volksaufklärer verstehen, so stellt sich unserer zynisch gewordenen Zeit das Problem einer Fortsetzung des Aufklärungsimpulses: die mit Neuraths Ansatz verbindende Frage ist aber die, ob mehr Informationen auch zu mehr gesellschaftlich relevantem Wissen führen. Ist die Informationsgesellschaft diesseits oder jenseits des enzyklopädischen Projekts, jener kompletten Inventarisierung des dem aufgeklärten Bürgertum zur Verfügung stehenden Wissens - ein Konzept, das Neurath radikalisieren wollte?

    Eine Ambivalenz der historischen Medienentwicklung besteht darin, daß die Entwicklung der Schriftkultur seit jeher auf gesellschaftliche Eliten bezogen war. Die "Bildkultur" blieb dann den Ungebildeten, Ungelehrten, dem Volk. Nicht einmal die Einführung des Drucks führte zu einer Massenalphabetisierung: technologischer Fortschritt bedeutet nicht notwendig auch schon eine Erweiterung der gesellschaftlichen Wissensbasis. Aufklärung und Volksaufklärung laufen keineswegs synchron. An genau dieser Grenzlinie arbeitete Neurath mit seiner Bildpädagogik.

    Neuraths Programm bestand in der einheitswissenschaftlichen Entfesselung des gesellschaftlichen Potentials als Einlösung von liegengebliebenen Aufklärungsansprüchen. Dies beinhaltete eine Therapie der Wissenschaftssprache, den Einsatz von Bildern in Prozessen des Wissenstransfers, und schließlich in der Systematisierung der bildlichen Repräsentation sozial relevanter Informationen.

    Dies führte von der 1925 entwickelten Wiener Methode der Bildstatistik zur markanten, vom Graphiker Gerd Arntz ausgearbeiteten Symbolik, den Piktogrammen der ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education, ab 1934). Es handelt sich dabei um die Entwicklung neuer symbolischer Werkzeuge zur Repräsentation gesellschaftlicher Sachverhalte, wobei Wissenschaftler und Graphiker im Team an jener educational technology arbeiteten, ohne die heute kein populäres Medium mehr auskommt.

    Neuraths Mißverständnis bestand dann allerdings darin, daß das Bild nur bereits kontextualisierte Informationen vermittelt. Bilder werden also nicht etwa durch kreative Akte aus dem Nichts geschaffen, sondern entsprechen (nach Ernst Gombrich) einem repräsentationalen Schema, das auch ihre Bedeutung beschränkt. Durch ihre Abhängigkeit vom kulturellen Kontext wird das Ideal einer eindeutigen Codierung/Decodierung gebrochen. Neuraths 'idealsprachliche' Vision war es, eine neue Bildersprache zu schaffen, die an den Abstraktionsgrad der Verbalsprache heranreicht.
    Die dazu nötige Stilisierung entspricht dem Prinzip einer Datenreduktion, die zudem auf ein schematisches Prinzip zusammengezogen werden. Das idealsprachliche Unterfangen bemühte verschiedene Kriterien wie den relationalen Einsatz typisierter Zeichen bei möglichst hoher Konsistenz. Die Zeichen sollten selbsterklärend sein, und dazu sollte deren Ikonizität erhöht werden. Das heißt, daß ein visuelles Zeichen möglichst nah am Bezeichneten bleibt. (Nach Peirce sind die semiotischen Abstraktionsschritte nach der Ikonizität die Indexikalität und dann die Symbolizität). *)

    Unsere Welt der Bilder ist längst nicht eine Welt der naiven Abbilder und ist es wahrscheinlich nie gewesen. Nach Vilém Flusser führt ein kulturgeschichtliches Stufenmodell vom Abbilden der voralphabetischen Phase (Bild) über die alphabetische Kodierung (Schrift, Text, Druck) zum nachalphabetischen Technobild (das in der neuen Einbildungskraft komputierte Bild). Die Bedeutung der Virtualität ist demnach nicht die Rückkehr zum ikonisch Bildhaften, sondern eine Bewegung hin zur erhöhten Symbolizität der Zeichen: den 'komputierten Bildern' entsprechen nicht einfach nur Texte (Sourcecodes), sondern ganze Kontexte. Die Technobilder bedeuten also nicht Dinge oder deren Bilder, sondern Texte, das heißt sie leisten Kontextualisierungen von Daten und sind damit semiotische Interpretanten, die (frei nach Flusser) die Welt neu kodifizieren, weil es auf den Prozeß der Bobachtung ankommt und nicht etwa auf das Beobachtete.

    Neuraths Erbe. Wenn McLuhan in Understanding Media (1964) behauptet hat, daß wir über die Bilder unserer Medienkultur zu einer inklusiven Form der Ikonizität zurückkehren ("We return to the inclusive form of the icon"), dann sollten wir heute - im Zeitalter der Virtualität - danach fragen, ob diese Diagnose sich denn wirklich bestätigt hat. Handelt es sich im visuellen Zeitalter am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wirklich noch um Bilder, um Ikonizitäten? Wohl kaum. Denn im Digitalen, einer diskreten Form der Repräsentation, fallen Code und Bedeutung tendenziell zusammen. Die in Gestalt der technischen (komputierten) Bilder erzeugten Informationen sind nicht einfach Abbilder, sondern bilden ein System und bestimmen letztlich sogar die sozialen Interfaces zwischen Indviduum und Gesellschaft (solche Interfaces oder Schnittstellen im nicht-technischen Sinn mag in früheren Zeiten die Symbolik der Kirche gewesen sein). So gesehen wirft das Wissen über gesellschaftliche und sonstige Zusammenhänge jedoch weniger ein Vermittlungsproblem (in qualitativer Abstufung vom besser zum weniger gut Informierten) auf, sondern impliziert vielmehr dort, wo es sich manifestiert, ein aufgeklärtes Bewußtsein über die Codes. Man kann das auch als Transparenz auffassen, indem etwa eine Medienbotschaft ihre kritische Lektüre nicht systematisch verstellt. Und die Erzeugung genau dieser Transparenz ist die Aufgabe eines künftigen Kommunikationsdesigns. Darin sind die subversiven Medienproduzenten allemal besser als die beflissenen Medienpädagogen; und paradoxerweise ist die angeblich so unkommunikative 'moderne' (nicht repräsentierende) Kunst unfreiwillig kommunikativer als so manch populäre Präsentation, gerade weil die Codes reflexiv entblößt werden.

    Quellen

    Otto Neurath: "Statistische Hieroglyphen" (1926); Otto Neurath: "The Human Approach to Visual Education", Health Education Journal, London 1944
    - in: Gesammelte bildpädagogische Schriften. Hg. von Rudolf Haller und Robin Kinross, Wien 1991(Hölder-Pichler-Tempsky)
    Ernst H. Gombrich: Das Bild und seine Rolle in der Kommunikation, in: Bild und Auge, Stuttgart 1984
    Vilém Flusser: Kommunikologie, Schriften Band 4, Mannheim: Bollmann 1996

    (*) Ein vereinfachtes Beispiel: Wenn ein Apfel das bezeichnete Objekt ist, dann ist das Foto eines Apfels ein ikonisches Zeichen, während das Wort "Apfel" ein indexikalisches Zeichen wäre, da es auf das Objekt über eine komplexe Codierung (in diesem Fall das phonetische Alphabet) hinweist. Ein symbolisches Zeichen wäre etwa eine Broschüre mit der ernährungsphysiologischen Definition des Apfels als Frucht. Jedes Zeichen kann aber, je nach Kontext seiner Verwendung, jede dieser Formen annehmen (schließlich fragen wir schon beim ikonischen Zeichen ja nicht nur nach dem Bezeichneten, sondern auch nach dem Codierungsprozeß - Malerei, Foto, Film sind schließlich keine naiven Repräsentationen einer wie immer gearteten Realität).


     © Frank Hartmann 1998

    | Zurück zum Anfang | Zurück zum Inhalt | Zurück zur MainPage |