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Neuro Zonen

© by Liesl Ujvary

Jetzt begreife ich allmählich den Preis, den ein solcher Realismus kostet: die einschränkenden Faktoren und die beteiligten Disziplinen. Es reicht nicht aus, die perfekte Illusion zu schaffen. Es ist ausserdem notwendig, eine fortwährende Integrität im Geist des Beobachters aufrechtzuerhalten. Natürlich gibt es eine einfache Antwort: man merzt alle Verstösse gegen die fortlaufende Integrität aus. Ich sehe nur Probleme, keine Lösungen. Ich hole einmal tief und zittrig Luft. Kleine Schritte, sage ich zu mir... eine weiche und leise Stimme in der Dunkelheit. Aber zuerst werde ich sie unterminieren. Erst werde ich ihr Selbstvertrauen erschüttern und sie dazu bringen, alles in Frage zu stellen, was sie unternehmen. Willst du das wirklich so haben? Sieg oder Niederlage hat keine Bedeutung für mich. Ist ohne Interesse. Sie dreht sich um und reibt sich die Augen, zu müde, um den Gedanken weiterzuverfolgen. Und am Morgen? Am Morgen werde ich wieder von vorn anfangen.

Was für eine Zeitverschwendung, so zu leben wie wir. So viele Welten. Und alle so kalt. Ein Tier, das denken und fühlen kann. Nein. Wir sind wie zwei Maschinen, die miteinander Daten austauschen. Nichts Reales. Ein Fetzen Dunkelheit. Das Spiel als solches ist gut. Aber warum machen wir das Spiel nicht etwas aufregender? In ihren erschrockenen Gesichtern dämmert langsam das Begreifen. Jetzt hast dus endlich kapiert. Ist es meine Schuld, dass diese Dinge aus der Welt verschwinden? Du vergisst schnell. Du bist wie ein kleines Kind, weisst du das? Ich habe herausgefunden, dass es auf keine andere Art bewerkstelligt werden kann. Solange man nicht aufblickt. Solange man nicht stehenbleibt und die Dunkelheit ringsherum sieht. Es sollte eine von aller Bedeutung befreite Landschaft sein. Eine Landschaft beziehungsloser Formen. Ein wirklicher Ort. Wie dunkel es dort auch ist. Es kommt mir so real vor. Aufwachen, und dann wieder aufwachen. Es muss einfach so real wie möglich sein. Eine Kunst, vor der man sich fürchten muss. Vielleicht gibts nichts anderes. Nur verschiedene Dinge, die man gern haben will. Aber ich hab recht, oder? Das hat gesessen. Mitten ins Schwarze!

Eine Andeutung von Gewalttätigkeit. Die Luft ist so unbewegt wie im Innern einer versiegelten Kiste. Nichts rührt sich, kein Blätterrascheln, keins der weichen, leisen Geräusche von bewegtem Wasser, kein Summen von Insekten. So gefällts ihnen. Aber es befriedigt sie nicht. Nichts hier kann einen befriedigen. Es sind alles nur Oberflächen. Es gibt hier keine Tiefe. Nichts ist irgendwo verwurzelt. Eine unvollkommene Mimikry. Gibt es denn sonst nichts? Nur diesen teuflischen Handel? Ich hab immer gegen das System gekämpft. Seit ich weiss, dass ich es kann. Anfangs nur mit Kleinigkeiten. Aber diese obsessive Gewissenhaftigkeit ist auf ihre Art schon beeindruckend. Wie schön alles im Licht der Laternen aussieht, wie perfekt, und doch... Die Dinge sollten so sein, wie sie erscheinen. Nein, die Dinge sollten so erscheinen, wie sie wirklich sind. Nun, dies hier ist genug Material.

Der heutige Tag ist perfekt. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt. In ihren Augen funkelt eine kaum gebändigte Erregung. Ist das klug? Ein perfektes Werkzeug. Es ist alles sehr ausgereift. Eine Welt, in der man kurzen Prozess macht. Hier zahlt es sich aus, paranoid zu sein. Die Bildschirme glimmen in weichen Farben und zeigen tausend verschiedene Bilder. Ich starre sie an und versuche, den komplexen Ketten von Symbolen einen Sinn abzugewinnen. All dies stellt eine fremdartige Sprache dar, doch ich habe das Gefühl, dass diese Formen - die Spiralen und die sich verzweigenden Bäume, die Büschel und die unregelmässigen Pyramiden - etwas mit der komplizierten Chemie des menschlichen Körpers zu tun haben. Was ich mache, ist eine Art Kunst. Nur wenige andere können das - ein abnormes Verhalten als schlüssigen Teil der Realität erscheinen zu lassen. Eine falsche Erfahrungslandschaft wird hervorgerufen. Eine bewegte Landschaft mit einer vorbestimmten Ereigniskette. Wichtig ist nur, welche Informationen die zentralen Bilder enthalten. Ich weiss. Ich empfinde es auch so. Wir fühlen uns stark davon angezogen.

Ich habe das Gefühl, als rauschten die Dinge zu schnell an mir vorbei, als entglitten sie meiner Kontrolle. Sie sagt sich, dass dem nicht so ist. Ihr Plan nimmt Gestalt an. Ich werde ihn in die Tat umsetzen. Es ist eine beängstigende Erkenntnis. Die letzten Tage sind mit derartigen Erkenntnissen überfrachtet gewesen. Ich denke daran. Ich schliesse die Augen und sage mir noch einmal, dass ich es irgendwie schaffen werde. Ich habe keine Wahl. Alles hängt davon ab. Ich werde tun, was ich tun muss. Viel zu bald. Das Timing ist absolut präzise. Ich verfüge über spezielle Informationen, die nicht durch die üblichen Kanäle geflossen sind. Mache ich dich nervös? Nein, wahrscheinlich ist es besser, wenn ich nichts tue, nichts sage, überhaupt nicht reagiere. Keine Alarmsirenen, keine Schreie... soweit so gut. Habe ich eine andere Wahl, verdammt? Sehr riskant. Drück auf die Tube. Ein ungünstiges Kräfteverhältnis. Bleib in Bewegung! Was zum Teufel stimmt nicht mit mir? Meine Beine geben nach, und ich schlage schwer auf den Boden auf. Es ist vorbei. Ich bin bereits tot. Ich lege den Kopf auf den kühlen Asphalt und atme tief aus. Ich werde einfach hier liegen bleiben, bis sich die letzten Lebensfunken in der Nacht verflüchtigt haben. Ich bekomme keinen zusammenhängenden Satz heraus. Ich kann nicht glauben, was ich vor mir sehe. Ich entferne mich sofort aus dieser Strasse des Todes.

Man kann einen Kerl nicht derartig zuschneiden. Man kann ihn nicht zum Duplikat einer anderen Person machen. Man kann die Spuren nicht auslöschen. Jedenfalls nicht alle. Die Schmerzen sind angeblich unerträglich. Manche Leute verwandeln sich praktisch über Nacht. Andere werden ganz einfach wahnsinnig. Ich habe keine Zukunft. Wir reden über die Vergangenheit. Ich will aber über die Zukunft reden. Du hast etwas bemerkt? Verdammt gute Frage. Sei ganz vorsichtig. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Hat uns jemand verkauft? Sehr wahrscheinlich. Aber wir sind gewarnt. Wir sollten verschwinden. Wir sind wie Bauern in einem Schachspiel benutzt worden. Vielleicht, vielleicht nicht. Lass uns abschwirren. Dieser geballten Macht kann man sich nicht entziehen.

Das Zimmer ist klein, die Einrichtung primitiv und das Mobiliar schäbig. Die Wände sind so bemalt, dass sie wie ein Wald aussehen. Für mich sind alle diese Orte gleich. Eine einzige Masse Stahlbeton. Ein mieser Haufen Scheisse. Wenn ich nur mehr darüber wüsste, was eigentlich vorgeht. Das kann schlimm werden, echt schlimm. Hat es mit mir zu tun? Es könnte eine Menge mit mir zu tun haben, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln. Was stimmt nicht mit der Gesellschaft? Zuviel Zwang! Zwang zu Jahren ohne Hoffnung, ohne Ziel und ohne Ende. Die Schutzvorrichtungen sind getarnt, verborgen, absichtlich verhüllt. Das gehört selbstverständlich zur Strategie. Sie wollen mich in einem Zustand mentaler Unsicherheit und emotionalen Aufruhrs halten. Sie wollen mich unterwürfig. Schwach. Eine elementare Vorgehensweise. Ein hübscher kleiner Trick, um meine Angst und Verwirrung noch zu vergrössern. Gewisse Fakten dieser Art wollen mir nicht aus dem Kopf gehen. Unvermeidlich, lautet der Fachausdruck.

Dieser Raum muss eingehender untersucht werden. Hier funkelt Leben, wenn auch schwach. So viel zu Vorwarnungen. Und dann heisst es: nichts wie weg! Schwere Waffen dröhnen. Das ist ganz schlecht. In diesem Fall hat das Einfache das Komplizierte bedeutungslos gemacht. Oder beinahe bedeutungslos. Auf der Strasse muss man schnell handeln oder man ist tot. Gute Instinkte haben. Wie soll man es sonst nennen? Sie muss sich als Mann beweisen. Sie muss Dinge tun. Verrückte, gefährliche Dinge. Ihr Lächeln wird weicher. Eine Welt wirbelnden Rauchs und lächelnden Zorns. Sie sind gut organisiert und stellen die ganze Nacht Wachen auf. Ich werde ihnen einen Weg zurück ins Leben anbieten. Warum nicht? Einfach drauflos. Es liest sich interessant. Ja. Aber nicht schlüssig. Genau. Es ist ein Anfang. Etwas, womit man arbeiten kann.

Die Wirklichkeit ist rauh. Wir brauchen andere Perspektiven, andere Inputs. Es wird ernst. Sie hat die Führung übernommen, weil sie sich auskennt. Sie kennt die Verfahrensweisen, die Sprachregelungen. Ich sehe die Welt auf meine Weise. Ich weiss, dass nur wenige meine Sichtweise teilen. Mir ist klar, dass die meisten das Leben auf eine Weise betrachten, die entweder fehlerhaft oder illusorisch ist. Das Problem besteht natürlich darin, dass es den anderen an meinen Fähigkeiten mangelt. Ich gebe auf. Nicht schiessen. Ich komme raus. Gesicht auf dem Boden. Die Paranoia greift um sich. Guter Gott, was haben sie mit ihr gemacht? Ihre Hände bewegen sich unablässig, bedecken ihren Mund, dann ihre Augen, wischen über Stirn und Wangen. Ihre Augen sind rot, die Haare wirr. Was wird mit mir geschehen? Sie besitzt geringfügige rohe Fähigkeiten. Unfertige, ungeübte. Sensibilität, eine Art natürlichen Widerstand und grosse Willenskraft. Sie braucht länger als nur ein paar Augenblicke, um sich zu beruhigen. Wenn es eine Schau ist, dann jedenfalls eine verdammt gute. Jede Bewegung sitzt, eine makellose Vorstellung.

An einem gewissen Punkt lässt einen das Adrenalin glauben, man könne ewig so weitermachen. Aber man braucht nur die Augen zu schliessen und sich für einen Augenblick zu entspannen, und schon bricht die Müdigkeit über einem zusammen wie eine Flutwelle. Das Unerwartete ist ein integraler Bestandteil dieses Spiels. Vielleicht bekommen wir jetzt etwas Luft. Zumindest für ein paar Stunden. Auf welches Zuhause beziehst du dich? Das ist ein wunder Punkt. Jeder Idiot kann das erkennen. Hat es Komplikationen gegeben? Ein kleiner bitterer Sieg. Die Wände pulsieren rot. Das System schaltet auf aktiven Alarmzustand. Die Wölfe greifen knurrend mit gebleckten Zähnen an. Wir müssen das Richtige tun, auch wenn wir dabei alle draufgehen. Ich will Informationen. Ich bin in einem Wald mit einer finsteren Ausstrahlung von Gefahr. Dicke graue Nebelschwaden wallen über den Boden. Gefahr lauert in hohlen Baumstämmen, im abgestandenen Wasser eines blubbernden Teiches, in den riesigen schwarzen Gestalten, die überall in der Dunkelheit warten und leise durchs Unterholz rascheln. Viele Wege führen in diesen entsetzlichen Elektronenwald.

Es ist kein so guter Platz zum Leben, eher ein Plastikbehälter oder eine Art Sarg, wirklich. Und ziemlich viel Druck. Wir haben unsere Sache gut gemacht, bis jetzt. Niemand hat auch nur einen Kratzer abbekommen. Aber irgendwas liegt in der Luft. Fühlt sich nicht gut an. Überall in der Gegend brechen jetzt heftige Schiessereien aus, automatisches Feuer, das hin und wieder vom Donnern schwerer Waffen übertönt wird. Sie schreit auf. Zutritt für Unbefugte verboten. Etwas Schweres knallt gegen kreischendes Metall. Ein Sicherheitslaufsteg aus Beton. Der Asphalt sieht richtig sauber aus. Nirgendwo Abfälle. Die Morgendämmerung bricht an, draussen herrscht düsteres Zwielicht. Die alten Häuser am Strassenrand werfen dunkle Schatten. Ein Merkmal der Todeszone. Es geht so schnell vorbei, wie es kommt.

Die Ausübung dieser Kunst entzieht sich jeder Erklärung, und zwar aus dem einfachen Grund, weil diese Kunst an sich absurd ist. Welche Worte können die gewünschte Wirkung erzielen... Die Sprache kann unerträglich heikel und ungenau sein. Kein Sinn für Humor. Ja, ich habe einen Auftrag. Ich rase... Niemand wird mich kommen sehen. Ich übernehme das Kommando. Normale Funktionen fortsetzen. Keine Einmischungen in eventuelle Veränderungen, die ich im System vornehme. Ich brauche lediglich auf die richtigen virtuellen Knöpfe zu drücken. Es gibt keine offensichtlichen Hinweis darauf, was geschehen ist. Keine Schäden an der Kleidung, keine offensichtlichen Spuren einer Wunde. Plötzlich erklingt ein Warnton. Die Sekunden ticken dahin. Nichts ändert sich. Sie geniesst ganz eindeutig jeden Augenblick. Ich erzeuge Illusionen. Ich werde euch nichts tun.

Die Stille dehnt sich unerträglich, und ich verspüre den irrationalen Drang loszuplappern, nur um die Zeit schneller verstreichen zu lassen. Im Herzen der Bestie... der Teufel muss sich hier wohlfühlen. Überall vermischt sich das Verfallene, Verkohlte, Verbrauchte mit dem Glanz und Glitter. Zeit, sich zu konzentrieren, sage ich mir. Sie will immer persönlich dabei sein, in Fleisch und Blut. Um das Kommen und Gehen zu beobachten. Darstellungen von Fraktalen funkeln an den Wänden. Sie steht mit gespreizten Beinen da, die Arme locker herabhängend, den Kopf aufrecht, auf der Hut. Ihr haltet besser Abstand. Aufgabe des Schriftstellers ist es, zu beobachten und zu lauschen. Die Strukturen der Welt in Erfahrung zu bringen und sie den anderen zu enthüllen. Für meine Wahrnehmung ist der Ort dunkel, emotionslos, tot. Er besteht aus leblosen Dingen: Plastik, Metall, Beton. Die Nacht ist kühl. Widerwärtige Gerüche liegen in der Luft. Es ist keine Übung. Es macht mir grossen Spass.

Sie lehnt am Eingang und starrt ins Nichts. Natürlich starrt sie nicht ins Nichts. Gerade ist alles noch cool, und im nächsten Augenblick ertönt plötzlich Gewehrfeuer von draussen. Und dann rennen alle durcheinander wie bei einem Feueralarm. Wie aufgescheuchte Ratten. Noch einmal das Stakkato einer Salve, und wieder ein Schrei, der noch eine Weile anhält, bevor er schliesslich abrupt abbricht. Alle lauern geduckt in der Dunkelheit. Es wird immer besser. Was ist mit dem Informationsfluss los, kann mir das jemand sagen? Die Verdrahtung ist heute eine andere. Es gibt keine Manieren, keine offiziellen Regeln oder Wettkämpfe. Wie Löwen in der Wildnis. Das gleiche Flair von Lässigkeit und latenter Gewalttätigkeit... Manchmal fühle ich mich wie eine entsicherte Waffe, die einfach vergessen worden ist. Oder so ähnlich. Was ist das? Ruft mich jemand? Ich weiss nicht, wer und warum, und es ist mir auch egal. Ich ignoriere das Rufen. Jemand packt meine Schulter und rüttelt mich. Das kann ich jetzt nicht mehr ignorieren.

Sieht perfekt aus. Das Hirn ist ständig mit einem Signal gekoppelt, das auf geringstmögliche Stärke eingestellt ist. Das reicht zwar nicht, um sie vollständig von der Realität abzuschneiden, aber es ist mehr als genug, um sie die Welt, die reale Welt, durch eine rosa Brille sehen zu lassen. Was sie sehen, ist eine Enklave der Macht und des Geldes. Wo jeder sein will. Keine Wahl. Die Vorstellung macht mir angst, aber ich reisse mich zusammen. Ich sage mir immer wieder, dass ich in Wirklichkeit gar nicht hier bin. Ich bin in Sicherheit. Sie grinst. Was dann geschieht, trifft sie völlig unvorbereitet. Die Dinge bewegen sich so rasch, dass ich nicht mehr mitkomme. Alles sieht cool aus. Es geht mir blendend. Äusserst erfreulich, äusserst zufriedenstellend. Willst du mitmachen? Jeder will irgendwas. Die Botschaft ist klar. Ich lese sie jeden Tag in den Augen der Leute. Geld regiert. Die Musik wird noch lauter. Lichter blitzen und flackern.

Ein paar Augenblicke verstreichen. Rituale müssen erfüllt werden. Gewisse Dinge müssen auf eine gewisse Art erledigt werden. Es ist eine Frage des Respekts. Farbenprächtige exotische Vögel flattern umher. Büsche, blühende Sträucher, Blumenbeete. Ein Wasserfall. Ein Pfad, der sich durch die Anlage windet wie ein Strom aus reinweissem flüssigen Marmor. Der Rest ist ernst, sogar grimmig. Diese Kerle, sie machen mich krank. Sie sind wie Hunde. Es gibt nichts, was sie nicht für Geld täten. Sie haben die Trennlinie zur Finsternis längst überschritten. Niemand macht sich etwas daraus. Jeder hier hat sein eigenes Überlebensprogramm. Wissen wir. Dies ist unser Sektor. Freie Zone. Keine Ausweise, keine Kennmarken, keine Beschränkungen. Keine Systemidentifikationsnummern. Kein wie immer geartetes offizielles Irgendwas. Es ist wie ein mörderisches Ballett.

Ich liege wieder mit dem Gesicht nach unten im Schmutz. Dann ändert sich die Szenerie. Das Haus ist jetzt eine ausgebrannte Ruine. Die Zombies schlurfen mit ausgestreckten Armen auf mich zu, die Gesichter leer und zugleich voller Qual. Was alles so fürchterlich macht, ist die absolute Unpersönlichkeit, die allem anhaftet. Du bist da auf etwas Schlimmes gestossen. In der Dunkelheit kann ich keine Einzelheiten erkennen. Spiel, Satz und Sieg. Ich habe nichts, denke ich. Und ich kann nicht darüber reden. Die Abschaltung aller Systeme ist von einem Diagnoseprogramm ausgelöst worden.

Angeblich soll das Programm entspannen. Das Wort ist zwiespältig... In einem gewissen Licht nehmen Dinge einen anderen Aspekt an, können sich ändern. Also nichts Reales. Sie spricht, doch ohne ihre Stimme zu gebrauchen. Ich... ich bin hungrig. Sie erschöpfen mich, diese Träume. Sie sind schön, aber sie erschöpfen mich. Das Thema? Wir sind das Thema. Das einzig Wichtige, denn unsere ganze Lebensweise steht auf dem Spiel. Ich merke, wie mein Körper zu reagieren beginnt. Geben und nehmen, geben und nehmen. Einen Moment lang will ich mich einfach umdrehen, weggehen und sagen, das ist nicht meine Sache, soll sich jemand anders darum kümmern. Doch ich weiss, dass ich das nicht kann. Es gibt niemand anders. Sie hat wieder dieses Glitzern in den Augen.

Die Düsternis kommt zurück wie ein Nebel. Krachende Waffen, schreiende Banditen, kopflose Flucht über kahle Lichtungen. Abwehr von wem oder was? Und überhaupt, was habe ich schon zu verlieren? Sie scheint imstande, Szenen mit dem bestürzenden Hinweis auf unsichtbare, unbekannte, fremdartige Präsenzen zu schaffen, die gerade am Rande der Wahrnehmung lauern. Ich fühle mich zunehmend unbehaglicher. Ist da jemand, auf den man sich verlassen kann, wenn es hart auf hart geht? Irgendwas wird hier direkt vor mir über die Bühne gehen. Das schreien mir alle meine Instinkte zu. Und dies ist nur der Eingang zu dem System. Die Lichtung ist verlassen. Natürlich besteht ein Risiko, dass sich das, wonach ich suche, viel tiefer im Innern des Systems befindet, aber dieses Risiko muss ich eingehen. Hängt alles davon ab, wie das System organisiert ist. Ich habe Glück. Null Problemo. Die Logik ist wasserdicht. Man braucht nicht gross nachzudenken, um zu erkennen, dass manche Dinge falsch sind. Das ist etwas, das man empfinden muss. Wenn man nichts empfindet, hat man keinen Sinn für richtig und falsch.

Ich kenne meinen Namen, weiss, wo ich wohne, kann mich aber nicht erinnern, woran ich arbeite. Die Luft, obwohl kühl, riecht sauber. Die bekannten Konturen um mich herum verschwimmen bedrohlich. Vielleicht, wenn alles wieder da ist... Das Gedächtnis ist die Grundlage dafür. Erkenntnisse entstehen aus Zusammenhängen, Daten, die sich miteinander verbinden, besonders gern über die Grenzen der Bezugslosigkeit hinweg. Wenn die Informationen entführt sind, können sie sich nicht mehr zufällig verbinden. Szenen aus alten, schlechten Filmen gehen mir durch den Kopf. Ich muss alles wieder in Ordnung bringen. Mit wem rede ich? Diese verdammte Angelegenheit setzt mir zu. Ich bin Soldat. Berufssoldat. Ich habe früh gelernt, das zu tun, was getan werden muss. Selbst wenn es stinkt. Das ist Teil des Jobs. Man merkt nicht, was passiert, denn es... es zerstört dein geschlossenes Bezugssystem. Sie drücken den Knopf - was passiert? Der Zielbereich verschwindet. Nach einiger Zeit stellen die Leute fest, dass nicht alles in Ordnung ist.

Es ist eine schöne Geschichte. Etwas in ihr spricht mich an, obwohl sie mich auch zornig und ängstlich macht. Einige der leeren Städte sind tot und deshalb ohne Gefahr zu betreten. Meiner Meinung nach sind die Städte nicht bösartig. Nur unzuverlässig. Aus den Augenwinkeln nehme ich am nördlichen Horizont ein weisses Glitzern wahr. Es kann ein Ort sein, ein Gegenstand, ein Gedanke, ein Gefühl. Ich muss mir selber gratulieren. Meine Darstellungen sind gut. Das Innere zeigt eine einfache Welt aus winzigen Plastikfiguren, die an ihren Sitzen festgeklebt sind. Superdeterminismus. Alles muss so geschehen, wie es geschieht. Alle Unterschiede zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Objekt, zwischen den Ereignissen und den Beteiligten sind willkürlich festgelegt. Ich muss das sagen, was ich sage. Ich muss so reagieren, wie ich reagiere. Was ich mir vorstelle, ist recht einfach: Dieser Körper verfügt über eine ganze Reihe von eingebauten Fähigkeiten. Er ist nur eine Maschine. Sie macht genau das, wofür sie konstruiert worden ist.

aus: L.U., "NeuroZone", edition ch, Wien 1996. Erscheint im April.

Liesl Ujvary, geb. 1939 in Pressburg, lebt in Wien. "Sicher & Gut", Rhombus Verlag Wien 1977. "Fotoroman Bisamberg", Museum Moderner Kunst 80. "rosen, zugaben", edition neue texte 83. "Schöne Stunden", Ullstein 84. "Tiere im Text", Edition Falter / Deuticke 91. "Heisse Stories", Das fröhliche Wohnzimmer Edition 93. "Hoffnungsvolle Ungeheuer", Edition Falter / Deuticke 93. "Lustige Paranoia", Ritter Verlag Klagenfurt/Wien, 1995. CD "Sex & Tod & Klangeffekte" ORF Kunstradio/Extrapaltte, Wien 1996. "NeuroZone", edition ch, Wien 1996. Poesie, Prosa, Fotos, Musik, Künstliche Intelligenz.


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