Erster Eindruck vor dem Bahnhof: reine Luft; die Beatmung durch den Regenhimmel und den unsichtbaren Hafen. Gehsteige und Glasscheiben sind sauberer und die Cof feeshops zahlreicher, als erwartet: HIGH LIGHT, THE GREENHOUSE EFFECT, PICK UP THE PIECES. GAY CINEMA, TOPLESS BAR, TAXFREE DIAMONDS, Auslagen, vollgerammelt mit fleischf arbenen Attrappen, GRAND HOTEL KRASNAPOLSKY CONGRES-CENTRUM, LET OP ZAKKENROLLERS.
Im Polizeigebäude, durch die Fassade ganz aus Glas, ist die Gestik von US-Filmcops zu verfolgen, schulterbreit, hellblaue Hemden. Hanfdampf an allen Grachten. Trotz Reisegepäck, bei Regen und zeitweisem Hagel, schwebe ich. Am Himmel hängen Wolken, aber keine faschistoide Faust. Kein Plakat redet vom Ausländer-Raus. Niemand trägt Doc Martens oder Nazi-Haarschnitt. vor ein paar Wochen, höre ich, hat die Polizei für ein besseres Sozialnetz und höhere Pensionen demonstriert und bei dieser Gelegenheit den Süchtigen und Obdachlosen warmes Essen serviert. Das Festival, zu dem ich eingeladen bin, hat den Titel THE NEW RAGE. Wo sich hier eine neue Wut verstecken soll, ist mir ein Rätsel. Rage made in Austria, das wäre schneller illustriert. Soll ich den Amsterdamern erzählen, wie die Skins im Fünfer in der Laudongasse lautstark beschließen, mir nichts zu tun, weil ich Inländer bin? oder, weniger gemütlich, wie meinem Freund in Linz, neben mir im Kaffeehaus von hinten, ohne die kleinste Eröffnung, ein BruceLee-Tritt ins Gesicht fliegt, daß das Jochbein splittert und in einem Auge sich die Netzhaut ablöst? Wir haben den Schläger nie vorher gesehen. Die Polizei erwischt ihn zwar, nimmt aber nur seine Daten auf und läßt ihn gehen. Uns sagen sie, es sei ihnen wurscht, wer wem den Schädel einhaut. Erst nach zwei Stunden ist ein Inspektor bereit, eine Rettung zu rufen. "Sans Ina sicha, daßs a Rettung brauchn? Se san eh ned schwea falezd." Nach einem Jahr wird der Schläger zu zwei Wochen Haft verurteilt: nicht wegen Körperverletzung ( ein paar Zentimeter höher, der Tritt wäre tödlich gewesen) , sondern wegen fünf Gramm Haschisch in der Westentasche.
Serge van Duijnhoven, dem ich die Einladung verdanke, ist Techno-Dichter, fünfundzwanzig, mit einem Grinser wie der junge Herkules. Vor solchen Leuten würde mir peinlich zumut mit dem Österreichbild aus der Geisterbahn, das in Holland ohnehin Klischee ist. Lieber möchte ich beweisen, daß es auch bei uns freie Köpfe gibt und Rage nicht Ressentiment heißen muß, sondern, was mich betrifft, poetischer Furor. Veranstaltungsort sind die sogenannten Katakomben unter einer ehemaligen Kirche in der Haarlemmerstraat.
Das Festival, erklärt mir Serge, ist der Versuch, dem TechnoPublikum, in eine House-Party wie in ein Dragee verpackt, Performance-Kunst zuzuführen. Es wird meine erste HouseParty. Wörter wie House, Rave, Jungle, Chillout haben mir bisher nur vage Vorstellungen von Prozessen und Zonen vermittelt, für die ich mir eher seit langem zu dumm als seit kurzem zu gescheit vorkomme.
Das Publikum liegt, hockt, geht umher, schlürft, pafft, knutscht, quatscht, probt erste Zwischenrufe, und ich bin der erste Dichter auf der Bühne. Ich denke an Österreich als entrückten Erdteil: wo sich der halbe Saal umdreht, wenn jemand einmal mit einem Seidel hereinschleicht. Hier bin ich vorläuf ig nicht mehr als ein Stück Ambient-Geräusch, finde mich nach meinem Auftritt aber dann doch mehr gemocht als übersehen oder abgelehnt.
Wirklich zahlreich und manisch munter wird das Publikum erst, als die Performances vorbei sind und unter Hypno-Hänmern das Tanzen anfängt. Selber schon in Bewegung, die Brustmitte massiert von einem obstinaten Baßton, nehme ich mit Kameraaugen, schwingenden, das Bildergleiten auf, das die Körper verteilen, das Roboter-Stampfen und den Lächelverkehr, stürze mit dem Blick erstmals an Schlundpupillen vorbei (Extacy?) , einem Jungmännergesicht, hart und weiß wie ein Ziegel. Setze mich vor die Toilette, weil nur dort Ruhe und Platz ist, Notizen zu machen.
Vom Tanzen ausgetrocknet, erfinde ich ein Forschungsprojekt: Ist es möglich, jetzt, während die Party auf eine erste Klimax zuwogt, ein Glas Orangensaft von einem Labyrinth-Ende bis zum andern zu tragen? Die Antwort kommt, das Durchmäandern leichter ist als erwartet, doch als Überraschung:
Nein. Und zwar, weil mehrere Leute meinen Orangensaft wollen. Im Augenblick, als ich mein Glas einem vor einer Sekunde noch unbekannten Weltraumkrieger überlasse, treffen vor mir Sonja und Susanna zusammen, die zwei Mazedonierinnen, jede mit einem Bier für mich. Beiden ist unabhängig voneinander eingefallen, daß ich Durst haben könnte. Daß wir miteinander getanzt haben, ist vielleicht eine Stunde her. "Willst du mit mir", Sonja brüllt es mir ins Ohr, "wo hingehen, wo es so weich und kuschelig ist wie in der Heiligen Jungfrau?"
Ihr Leder-Hüftschwung läßt von der Zigarettenspitze Glut abregnen. Susanna schließt sich an.
Die Chill-Out-Zone ist ein Betonbunker, vollgestopft mit Leuten, heiß und gebeizt mit Körperdunst und Rauch. Auf der Beton-Plattform in der Mitte lungern vom Bedürfnis nach Benebelt-Hinsinken und dabei noch irgendwen Zu-FassenKriegen Zusammengeschweißte: eine im Augenblick für mich wenig magnetische Szene. Ein am Boden abgestelltes Weinglas wird von einer schwarzen Schuhspitze zerstoßen. Ein schwerer Kerl, beim Sich-Hinplumpsen-Lassen neben mir, läßt sein Bier auf mein Hosenbein schwappen und wird spöttisch, als er merkt, daß ich seine Sprache nicht verstehe. Aus seiner Zigarette steigt mir die Rauchsäule industriell ins Gesicht. Inzwischen kann ich mir vorstellen, daß es mir woanders besser gefallen könnte. Sehr deutlich wächst mein Bedürfnis nach Luft.
Im Gang draußen hocken, angeordnet nach Codes sexueller Anziehung und bevorzugten Stimulantien, kleine Stammesgruppen, so mit sich selbst bekannt, daß ich nur vorbeigehen kann. Am Katakomben-Ausgang hängt ein Schild mit der Aufschrift 4-DIMENSIONAL HEALING. Darunter steht, breitschultrig, ganz in Schwarz, Bürstenfrisur und Vollbart, ein Wächter. Er verstellt mir in den Weg. "Wo willst du hin?" "Nur schnell einmal hinaus, luftschnappen gehen". Ich mache eine Geste stiegenaufwärts. "Das geht nicht. Geh zurück auf die Party. " "Es muß sein. Ich brauch Luft." "Es geht nicht. Geh zurück, geh feiern." "Stell dir vor", sage ich, "du als Security läßt einen nicht hinaus und er kriegt einen Kollaps. Wär doch kein Wunder bei der Luft hier. Dann bist du schuld." "Du hast recht", sagt er, "ich würd selber lieber auch hinauf gehen. Aber bitte, bleib da. Mein Vorgesetzter macht mir sonst die ärgsten Schwierigkeiten." "Sag das noch einmal: du kriegst Schwierigkeiten von deinem Vorgesetzten, wenn ich atme?" "So ist es. " "Dann hat dein Boss Scheiße im Kopf statt dem Hirn. " "Stimmt. " Er lächelt. "Aber er ist mein Vorgesetzter. Er ist ein Idiot und außerdem brutal. Wenn ich dich hinauflasse, macht er mich fertig."
Mein Luftbedarf , ich kann es nicht mehr ändern, ist im Moment dringender. "Wenn er dir Schwierigkeiten macht, sag einfach, ich bin schuld. Sag, ich hab dich physisch überwältigt." Ich starte treppaufwärts, komme einen Schritt weit und f inde mich zurückgehalten, am Ärmel gepackt, während von oben langsam der Vorgesetzte herunterkommt. Ich fühle mich wie in der Hölle, wo die Verdammten die Kochtopfwand hinaufzuklettern versuchen und - "Hinein in den Kessel mit Siedegeschrei! " - von ihren Wächtern mit den Stangen wieder hineingestoßen werden. Der Vorgesetzte ist noch ein Stück größer und stärker als sein Kollege herunten, sein Blick aus schwarzem Eis. Seine Begrüßung lautet: "Willst du Ärger?" "Nein", sage ich, "Frische Luft. " "Das ist nicht möglich. Geh hinunter."
"Es ist sicher möglich. Ich muß hinauf." "Es ist unmöglich. Geh hinunter." Bin ich hier in Amsterdam (Anagrammiert: Mad Master) oder in Ostberlin, vor dem Mauerabbruch?
"Kann mir bitte", sage ich, "jemand ein Visum ausstellen, für ein paar Minuten Frischluft?"
"Wenn du wirklich meinst", sagt der von oben, "daß du da draußen was brauchst, was du hier nicht bekommst, dann muß dir eins klarsein: Einmal draußen ist für immer draußen. Und jetzt hau ab." "Geht in Ordnung. Ich geh mich nur von ein paar Leuten verabschieden."
Von den Organisatoren ist keiner zu finden. Olaf Zwetsloot, ein Dichter vom Typus Gigolo aus der Schnitzler-Zeit, Anzug und Krawatte, grüne Sonnenbrille auf den zurückfrisierten Locken, lacht zu meinem Bericht. "Haben wir gleich. " Jetzt stehen wir zu zweit eingekeilt zwischen den Wächtern. Nach einem längeren Hin und Her, ich höre nicht mehr so genau zu, kommen wir auf die Stiege. Je höher ich steige, je näher ich, durch die unbeleuchtete Kirche im Galopp dem Ausgang komme, umso besser wird die Luft. "Luft, Luft! " Der Wächter, mit einem Gesicht, als sei ich mit dem Flarmenwerfer unterwegs, rennt mir nach.
Wie wenn einem Mitte Juli zu Mittag in Süditalien die ersten Schlucke Eistee durch den Schlund rinnen, so trinke ich die Luft. Aus dem schwarzen Himmel fällt ein mit Hagel vermischter Regen.
Hinter mir klickt etwas: der Wächter läßt die Sicherheitstür zuschnappen. Für den Moment ist mir warm und das Nasse angenehm. Nach ein paar Minuten, jemand kommt heraus, schlüpfe ich wieder hinein. Nach keinen zehn Sekunden steht er wieder da: "Ich hab dich doch grade hinausgeworfen. Was willst du schon wieder?"
"Ich hab meinen Mantel da und einen Hut, einen Pullover, ein Sakko, ein Notizheft und ein Glas Weißwein." "Du bist draußen. Hau ab. " "Du bist doch hier die Security. Du sorgst dafür, daß ich mich sicher fühle. Aber mir kommt vor, du willst, daß die Leute Angst vor die haben."
Er sagt nichts. Er stößt nur ein Grunzknurren aus, wie ein Monster in einem Zeichentrickfilm, dem zum ersten Mal ein völlig fremder Gedanke in den Schädel eingedrungen ist. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich komme an ihm vorbei. Der Kollege unten sieht erstaunt und irgendwie erfreut aus, daß ich schon wieder da und unversehrt bin. Olaf und Susanna gehen mit hinauf. Ich lasse mir bei allem Zeit, trinke an der Garderobe gemächlich unter Plaudern meinen Wein aus, während der Wächter immer einen halben Meter neben mir steht, Drohung in den Augen. In Mantel und Hut, gebe ich ihm zum Abschied die Hand: "Guten Morgen. Es war mir ein vergnügen, Sie kennenzulernen." Er geht gemessen bis zur Glastür mit, hält sie uns auf. "Das Vergnügen ist meinerseits, Sir. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend."
Olaf, in die Pedale tretend, unterm Regengeprassel, dreht sich halb zu mir herum: "Du bist doch aus Wien! " "Ja", schreie ich, vorgebeugt, vom Gepäckträger vor. "Mein Vater", schreit er, "hat dort gewohnt. Ein paar Jahrzehnte. Bis zur Arisierung. In der Vereinsgasse! " "Vereinsgasse drei, da wohn ich! "Gibt's nicht!"